Betriebliche Gesundheitsförderung wird für die Sportwissenschaft immer wichtiger – Interview mit Sprecherratsmitglied Prof. Dr. Filip Mess

Prof. Dr. Filip Mess

Prof. Filip Mess forscht an der TU München auf dem Gebiet der Sport- und Gesundheitsdidaktik mit dem Fokus auf Gesundheitsförderung. Sein Ziel ist, insbesondere Aktivität von Kindern und Jugendlichen im Setting Schule zu erforschen sowie von Erwachsenen im Setting Betrieb. Seit September 2016 ist er Mitglied im Sprecherrat der dvs-Kommission Gesundheit.

Im Interview berichtet er über seine Forschungsschwerpunkte und darüber, wie die daraus gewonnenen Erkenntnisse konkret in Programme zur Gesundheitsförderung einfließen und über seine Motivation, sich im Sprecherrat zu engagieren und seine Ziele in diesem Feld.

Seit September 2016 sind Sie als neues Mitglied im Sprecherrat der dvs-Kommission Gesundheit. Was war Ihre Motivation, sich zur Wahl zu stellen?

Ich finde es wichtig, mich im Feld von Bewegung und Gesundheit zu engagieren, um noch mehr Kindern und Jugendlichen, aber auch Erwachsenen, die Chance zu geben, die positiven Wirkungen von Bewegung zu erfahren. Hier haben wir seitens der Wissenschaft eine große Verantwortung und gleichzeitig aber auch viele Möglichkeiten, unsere Erkenntnisse den Menschen zugänglich zu machen und damit Bewegung zu fördern. Durch die Arbeit in der Kommission ist es aber auch möglich, Einfluss zu nehmen, bspw. auf die Gesundheitspolitik oder auch auf Hochschulen mit gesundheitsbezogenen Studiengängen und dadurch Gesundheit in der öffentlichen Wahrnehmung zu stärken. Ein entscheidendes Motiv ist aber auch, dass die Arbeit mit den Kolleginnen und Kollegen im Sprecherrat mit sehr viel Freude verbunden ist. Kurz zusammengefasst, ist mein primäres Motiv das gesellschaftliche Engagement für Bewegung und Gesundheit.

 

Welche Aufgaben haben Sie im Sprecherrat übernommen und welche Ziele verfolgen Sie in diesem Bereich?

Neben den „täglichen“ Aufgaben, bspw. Kongresse mitgestalten, Ansprechpartner diverser Gesundheitsakteure sein, Gesundheitspolitik zu beraten, Nachwuchs fördern etc., will ich gerne das Setting Betrieb stärker in den Fokus unserer Arbeit nehmen. Hier hatte die Kommission Gesundheit in den letzten Jahren wenig Kapazitäten, dabei sind Betriebe im Erwachsenenalter ein sehr wichtiges Setting für Gesundheitsförderung. Da dieses Feld sehr umfassend ist, versuche ich mir zunächst einen Überblick über Organisationen/Institutionen, bestehende Netzwerke und Studiengänge zu verschaffen. Anschließend wollen wir gemeinsam eine Strategie festlegen, wie und wo wir als Kommission Gesundheit ansetzen sollten, um diesen Bereich in Forschung, Politik und betrieblicher Praxis weiterzuentwickeln.

 

Zum Wintersemester 2015/2016 haben Sie an der TU München die Professur für Sport- und Gesundheitsdidaktik angenommen. Was sind dort im Schwerpunkt Gesundheitsförderung für Kinder und Jugendliche Ihre Aktivitäten?

Unser Schwerpunkt liegt auf der gesundheitsbezogenen Aktivitätsforschung. Darüber hinaus beschäftigen wir uns mit der Entwicklung didaktischer Konzepte, speziell im Outdoor Bereich. Hier schlagen wir eine Brücke zur Umweltbildung und MINT-Didaktik, indem wir non-formale Bildungskonzepte an außerschulischen Lernorten (Outdoor Education) entwickeln und diese unter lernpsychologischen und gesundheitswissenschaftlichen Aspekten beforschen.

Die Erforschung gesundheitsrelevanter Lebensstile bildet einen weiteren Schwerpunkt. Dabei werden verschiedene Verhaltensweisen wie beispielsweise sportliche Aktivität, Medienkonsum oder Ernährung nicht nur einzeln, sondern deren Zusammenspiel betrachtet. Somit können wir spezifische Verhaltensmuster identifizieren, die ein umfassenderes Verständnis von Gesundheitsverhalten ermöglichen.

Einen weiteren Forschungsschwerpunkt im Setting Schule legen wir auf die Schülermotivation im Sportunterricht. Der Sportunterricht bietet als einzige Instanz die Möglichkeit, alle Kinder und Jugendlichen für das Sporttreiben zu motivieren. Daher sind wir daran interessiert, neue Erkenntnisse auf dem Feld der Motivationsforschung in der Schule zu erlangen und diese in die Lehrerausbildung zu implementieren und somit zur Qualitätsverbesserung des Sportunterrichts beizutragen.

 

Als weiteren Schwerpunkt forschen Sie im Setting Betrieb zur Gesundheitsförderung für Erwachsene. Was genau erforschen Sie hier aktuell?

Im Fokus unserer Arbeit steht zunächst einmal die Durchführung von wissenschaftsgestützten Gesundheitsanalysen, um die gesundheitsbezogene Verhaltensweisen und den Gesundheitszustand der Beschäftigten zu erfassen. Mit diesen Erkenntnissen und den Bedarfen versuchen wir dann zielgruppenspezifische Programme zu entwickeln und zu evaluieren. Schwerpunkte sind hier beispielsweise die Erforschung des Präsentismus, also des Phänomens, dass Personen trotz Krankheit zur Arbeit gehen. Weitere Themen sind im Bereich „Erholung und Schlaf“, auch deshalb, weil wir wissen, dass in Deutschland etwa 30 Prozent der Erwerbspersonen unter Schlafstörungen leiden. Hier steckt also enormes Gesundheitspotenzial. Wir versuchen derzeit aber auch spezielle gesundheitsfördernde Programme für Auszubildende zu entwickeln. Denn diese Gruppe ist hohen Belastungen ausgesetzt, bietet aber auch große Chancen: Wenn wir diese junge Menschen für Gesundheit sensibilisieren, können die Unternehmen und die Gesellschaft eventuell über Jahre davon profitieren.

 

Inwieweit fließen Ihre Erkenntnisse in konkrete Programme zur Gesundheitsförderung ein? Können Sie ein Beispiel nennen?

Mein Anspruch ist es, die Erkenntnisse in die betriebliche Praxis einfließen zu lassen beziehungsweise eine praxisnahe Forschung zu machen. Daher arbeite ich auch mit vielen Unternehmen oder Einrichtungen des Öffentlichen Dienstes zusammen. Zur Verdeutlichung will ich das Beispiel zu den Azubis noch einmal aufgreifen: Wir wissen aus anderen Untersuchungen, dass Auszubildende gerade zu Beginn belastet sind und in ihrem Gesundheitsverhalten durchaus Verbesserungen zu erreichen sind. Deshalb entwickeln wir derzeit gemeinsam mit der Stadt München ein Gesundheitsmonitoring für die jungen Menschen, die eine Ausbildung beginnen. Gleichzeit sollen alle beteiligten Akteure das gesundheitsfördernde Programm entwickeln. Dazu zählen insbesondere Auszubildende, Berufsschullehrer sowie die Bereiche Gesundheitsförderung und Personalentwicklung der Stadt München. Hierzu gab es bereits mehrere Abstimmungstreffen.

 

Das Thema der betrieblichen Gesundheitsförderung wird auch für die Sportwissenschaft immer aktueller und bietet in Theorie und Praxis viele Betätigungsfelder. Welche Perspektiven sehen Sie für die Sportwissenschaft, sich in diesem Feld zu engagieren?

Bewegung ist auf der Verhaltensebene eine zentrale Komponente der Gesundheitsförderung, außerdem haben die meisten Sportwissenschaftler auch viele Kenntnisse im Bereich Ernährung oder auch Medizin. Wir sind also prädestiniert in diesem Tätigkeitsfeld als umfassende Gesundheitsexperten wahrgenommen zu werden. Meine Erfahrung ist auch, dass viele Sportwissenschaftler in Unternehmen zunächst Bewegungsprogramme anbieten und dann damit vertraut werden, mit den anderen Gesundheitsakteuren im Unternehmen eine umfassende Betriebliche Gesundheitsförderung aufzubauen. Und da Betriebliche Gesundheitsförderung immer wichtiger wird, gewinnt – so zumindest meine Prognose – auch die Sportwissenschaft an Bedeutung. Ich sehe aber auch den stärkeren Einsatz in Krankenkassen, wenn es nun beispielsweise darum geht, das neue Präventionsgesetz umzusetzen. Hier wird gut qualifiziertes Personal zum Einsatz kommen. Um die Bedeutung der Sportwissenschaft aber zu erweitern, müssen wir die Studierenden gut ausbilden und den Fokus neben der Bewegung auch noch stärker auf andere Facetten der Gesundheit lenken, wie etwa auf die psychische Gesundheit.

 

Zusammen mit Ihrem ehemaligen Kollegen Dr. Utz Niklas Walter haben Sie als Ausgründung aus der Universität Konstanz und des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) das Institut für Betriebliche Gesundheitsberatung gegründet. Was sind hier Ihre Tätigkeitsschwerpunkte?

Neben den klassischen Gesundheitsanalysen versuchen wir vor allem die weniger gesundheitsaffinen Beschäftigten für Gesundheit zu gewinnen. Um das zu erreichen, entwickeln wir spezielle Programme im Bereich der „Aufsuchenden Gesundheitsförderung“. Das sind meist sehr niederschwellige Angebote, die direkt am Arbeitsplatz stattfinden und dadurch mit geringen Teilnahmebarrieren verbunden sind. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der psychischen Gefährdungsbeurteilung. Seit der Gesetzesänderung in 2013 hat der Bedarf nach Analysen, aber auch nach geeigneten Maßnahmen für die Stärkung der psychischen Gesundheit stark zugenommen. Das hängt natürlich auch mit dem Anstieg an psychischen Erkrankungen in den letzten Jahren zusammen. Zunehmende Bedeutung gewinnen auch die Themen „Digitale Gesundheitsförderung“ und „Gesundheitskommunikation“ – hier arbeiten wir auch an zahlreichen Projekten mit Unternehmen aus ganz Deutschland zusammen.

 

Welche Vorteile sehen Sie darin, sich sowohl in Theorie als auch in der Praxis mit Betrieblicher Gesundheitsförderung zu befassen?

Der große Vorteil aus meiner Sicht liegt darin, dass beide Seiten – die Wissenschaft und die Unternehmen – voneinander lernen können. Wir können unsere Erkenntnisse in die Unternehmen einfließen lassen und dadurch helfen, gesundheitsfördernde Maßnahmen zielgruppenspezifisch. mit hoher Qualität und damit auch Wirksamkeit aufzunehmen. Gleichzeitig lerne ich immer wieder, dass Theorie und Praxis sich nicht immer miteinander verbinden lassen, weil unternehmerische Abläufe komplex sind oder andere Themen die Gesundheit verdrängen. Außerdem erfahre ich im Dialog mit den Unternehmen häufig auch deren Bedarfe oder Herausforderungen, die ich dann in neue Forschungsprojekte einfließen lasse oder in die Lehre einbinde. So sind die Studierenden vielleicht besser auf die unternehmerische Realität vorbereitet.

 

Kontakt:

Prof. Dr. Filip Mess
Technische Universität München
Uptown München-Campus D
Georg-Brauchle-Ring 60/62
80992 München
Tel: 089 / 289 24521
E-Mail: Prof. Dr. Filip Mess

Institut für Betriebliche Gesundheitsberatung (IFBG)

www.ifbg.eu

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