Neue Felder für die Sportwissenschaft in klinischer Forschung & Praxis – Interview mit Prof. Dr. Friederike Rosenberger und Dr. Joachim Wiskemann

Prof. Dr. Friederike Rosenberger

Dr. Joachim Wiskemann

Prof. Dr. Friederike Rosenberger und Dr. Joachim Wiskemann arbeiten als Sportwissenschaftler im Bereich der klinischen Forschung, konkret am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT), Universitätsklinikum Heidelberg.

 

Durch ihre Erfahrungen an der Schnittstelle von patientenorientierter Forschung und Praxis haben sie im vergangenen Jahr die Rubrik SPORTWISSENSCHAFT IN KLINISCHER FORSCHUNG UND PRAXIS initiiert. Im Interview berichten beide über ihre Arbeit, aktuelle Projekte, konkrete Herausforderungen sowie Wünsche und zeigen auf, welche Chancen es für Sportwissenschaftler in der klinischen Forschung gibt.

Sie arbeiten als Sportwissenschaftler am NCT und im Universitätsklinikum Heidelberg. Was genau ist dort Ihre Funktion und Aufgabe?

Wiskemann: Ich leite dort mit meiner Kollegin und Stellvertreterin Friederike Rosenberger die Arbeitsgruppe Onkologische Sport- und Bewegungstherapie. Unsere Aufgabe ist es, jedem Patienten, der dies möchte, während oder nach der onkologischen Therapie eine individuelle Beratung zum Thema und ggf. ein individuelles Trainingsprogramm zukommen zu lassen. Wir führen zudem klinische Studien durch, um unserer eigenes therapeutisches Handeln weiter zu verbessern sowie die Wirkmechanismen der Sport- und Bewegungstherapie zu verstehen. Die Arbeitsgruppe ist interdisziplinär aufgestellt und setzt sich unter anderem aus Sportwissenschaftlern, -therapeuten, Physiotherapeuten, Psychologen und Studienassistenten zusammen. Wir arbeiten Hand in Hand mit den Ärzten und Pflegekräften im klinischen wie wissenschaftlichen Alltag zusammen. Zudem besteht ein sehr enger Austausch mit Ernährungswissenschaftlern, Psychoonkologen und Sozialwissenschaftlern. Meine Aufgaben sind in diesem Umfeld sehr vielfältig und reichen von Studienkonzeption und -durchführung, über Personalentwicklung bis hin zur gemeinsamen Beurteilung und Betreuung von onkologischen Patienten, beispielweise in der sportmedizinisch-onkologischen Kooperationssprechstunde.

 

Wie sieht klinische Forschung im Alltag aus? Können Sie einen kleinen Einblick geben, welche Projekte Sie derzeit bearbeiten?

Spiroergo_RosenbergerRosenberger: In unseren Studien geht es darum, was Sport- und Bewegungstherapie bei onkologischen Patienten bewirken kann und wie man das Training gestalten sollte, um optimale Effekte zu erzielen. Wir arbeiten mit Patienten in verschiedenen Phasen der Erkrankung. Zum Beispiel bereiten sich Patienten mit Blutkrebserkrankungen durch Intervalltraining auf eine strapaziöse Blutstammzelltransplantation vor, Patientinnen unter Chemotherapie absolvieren sensomotorisches Training, um Schädigungen der Nervenendigungen entgegenzuwirken, Patienten nach Abschluss der Therapie betreiben Kraft- und Ausdauertraining, um wieder so leistungsfähig zu werden wie vor der Erkrankung, und Patienten ohne Heilungsaussicht, deren Wirbelsäulenmetastasen bestrahlt werden, führen Gymnastikübungen durch, um Schmerzen zu reduzieren. Immer häufiger stehen aber auch Effekte auf den medizinischen Behandlungserfolg oder das Überleben im Fokus der Studien.

 

Welche Einsatzmöglichkeiten und Chancen gibt es für Sportwissenschaftler derzeit im Bereich der klinischen Forschung und welche Entwicklung zeigt sich in diesem Bereich?

Beratung_WiskemannWiskemann: Die Möglichkeiten sind vielfältig. Klassische Aufgaben stellen mit Sicherheit die Durchführung von diagnostisch motorischen Untersuchungen, wie Spiroergometrie, Dynamometrie und funktionale Tests dar, aber auch das Betreuen von Studienpatienten in bewegungstherapeutischen Trainingseinheiten. Hier besitzen entsprechend ausgebildet Sportwissenschaftler hervorragende Kompetenzen und sind in klinischen Studien zur Evaluation von Bewegungsprogrammen nicht wegzudenken. Mehr und mehr, und so ist es auch in unserem Fall, werden jedoch auch strategisch-methodische Kompetenzen wichtig. Hier sehe ich das größte Entwicklungspotential in der klinisch-sportwissenschaftlichen Forschung. Damit meine ich die eigenständige Planung wissenschaftlicher Studien (inklusive Übernahme und Ausfüllen einer Studienleiterposition) basierend auf zuvor gemachten Erfahrungen im Kontext des klinisch medizinischen Umfelds in zahlreichen chronischen und akuten Krankheitsbildern. Aus diesem Grund müssen zukünftige Generationen von Sportwissenschaftlern auch auf diese Aufgaben vorbereitet werden. Hier sehe ich gerad in der Lehre und Ausbildung noch großen Entwicklungsbedarf.

 

Vergangenes Jahr haben Sie die Rubrik KLINISCHE FORSCHUNG hier auf der Website der dvs-Kommission Gesundheit initiiert. Was war Ihre Motivation?

Rosenberger: Zahlreiche Sportwissenschaftler sind im klinischen Bereich tätig und leisten dort für Patienten wertvolle und wissenschaftlich hochrangige Arbeit. Das Tätigkeitsfeld lässt sich jedoch keinem klassischen Fach der Sportwissenschaft eindeutig zuordnen. Deshalb ist das Berufsfeld für den Nachwuchs wenig offensichtlich, die Sportwissenschaftler sind untereinander schlecht vernetzt und gegenüber anderen sowie innerhalb der eigenen Berufsgruppe wenig sichtbar. Die Rubrik KLINISCHE FORSCHUNG soll helfen, das zu ändern.

 

Welche Resonanz gab es seitdem auf Seiten der Sportwissenschaft und welche Resonanz wünschen Sie sich für die Zukunft?

Wiskemann: Die Resonanz kam überwiegend aus dem Bereich der Onkologie, was uns zunächst auch nicht verwundert hat. Allerdings sind auch einige nicht-onkologische Kollegen und Kolleginnen an Bord, die beispielweise in der Kardiologie, Psychiatrie oder auch der Geriatrie arbeiten. Das Interesse außerhalb der Onkologie dürfte aus unserer Sicht aber noch deutlich größer werden. Vielleicht liest ja der oder die ein oder andere in der klinischen Forschung und/oder Versorgung Arbeitende dieses Interview und meldet sich im Anschluss aktiv bei uns. Wir würden uns sehr freuen.

 

Kooperationen sind speziell an der Schnittstelle von klinischer Forschung und Praxis vermutlich unverzichtbar. Von welchen Kooperationen profitieren Sie als Sportwissenschaftler hier besonders?

Rosenberger: Im Alltag arbeiten wir eng mit Ärzten, Sporttherapeuten und Physiotherapeuten zusammen. Aber auch zu Ernährungswissenschaftlern und Psychologen pflegen wir fruchtbare Kooperationen. Innerhalb der Sportwissenschaft berate ich mich am häufigsten mit Kollegen aus der Trainingswissenschaft oder Leistungsphysiologie.

 

Welche möglichen Kooperationen wünschen Sie sich für Ihre weitere Arbeit?

Wiskemann: Ganz klar den Austausch mit Sportwissenschaftlern, die in anderen Sektionen der Medizin arbeiten, aber auch mit den Medizinern, um ihre Sichtweise auf das Thema Bewegung und Sport zu erfahren und besser die Wünsche und Bedürfnisse aus der medizinischen Perspektive zu verstehen. Ebenso dürfen wir nie diejenigen vergessen, um die es uns eigentlich immer gehen sollte: Die Patienten. Hier benötigen wir auch überwiegend eine deutlich intensivere Zusammenarbeit und Kooperation, da dies, vor allem in der Wissenschaft, bislang zu häufig vernachlässigt wurde.

 

In der Onkologie sind Sie nicht nur an der Schnittstelle zwischen Forschung und Praxis, sondern auch zwischen Leben und Tod. Wie nah kommen Sie in Ihrer Arbeit Krebskranken Menschen und wie gehen Sie persönlich damit um der Schnittstelle zwischen Leben und Tod so nah zu sein?

Rosenberger: Mit Menschen zu arbeiten ist ein Aspekt meines Berufs, den ich sehr schätze. Selbstverständlich begegne ich in der Onkologie auch Menschen, die in naher Zukunft sterben werden. Bei der Kommunikation verlasse ich mich in solchen Fällen auf mein Gefühl. Häufig erleben wir für unsere Arbeit große Dankbarkeit. Die Situation der Patienten gibt natürlich auch Anlass, sich mit dem eigenen Leben auseinanderzusetzen – ich persönlich empfinde das als wertvoll. Übrigens ist man dabei nie allein gelassen: wir tauschen uns im Team aus und können bei Bedarf mit Kollegen aus der Psychoonkologie sprechen.

 

Dr. Wiskemann, sie gehen in Kürze für ein Jahr in die USA, um dort an der Penn State University zu arbeiten. Was werden Sie dort tun und mit welchen Erwartungen treten Sie die Reise an?

Wiskemann: Ich werde dort mit der gerade frisch gewählten Präsidentin des American College of Sport Medicine, Frau Prof. Kathryn Schmitz, zusammenarbeiten und so eine der sportwissenschaftlich-politisch wichtigsten Personen der aktuellen Zeit intensiv kennenlernen können. Durch meine Lokalisation in der Gruppe von Frau Prof. Schmitz werde ich natürlich auch wieder viel Krebsforschung machen. Meine Erwartungen sind aber sehr vielfältig: Zum einen möchte ich in einem völlig neuen Umfeld neue Arbeitsmethoden und Projekte kennenlernen und mitentwickeln, zum anderen aber auch die wissenschaftliche Kultur und Philosophie an einem amerikanischen Forschungsinstitut und einer Klinik kennenlernen. Besonders interessieren mich dabei auch die Akzeptanz der Sportwissenschaft im klinischen Umfeld und die Zusammenarbeit mit andern Berufsgruppen. Darüber hinaus möchte ich in meiner Zeit in den USA auch mein internationales Netzwerk erweitern und mit möglichst vielen Sportwissenschaftlern in klinischer Versorgung und Forschung in Kontakt kommen und mich austauschen.

 

Kontakt:

Prof. Dr. Friederike Rosenberger

Stellvertretende Leiterin AG „Onkologische Sport- und Bewegungstherapie“

Abteilung Medizinische Onkologie

Nationales Centrum für Tumorerkrankungen (NCT)

Universitätsklinikum Heidelberg

Im Neuenheimer Feld 460

69120 Heidelberg

 

Telefon: 06221-56-35681

E-Mail: friederike.scharhag-rosenberger@nct-heidelberg.de

Internet: www.nct-heidelberg.de

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