„Wechselwirkungen im Spannungsfeld geänderter Lebensbedingungen und Mobilität“

startseite_titelbild_2-5_all_roundedNachbericht zur ersten gemeinsamen Jahrestagung der dvs-Kommissionen Gesundheit sowie Sport und Raum in Karlsruhe

Seit Inkrafttreten des Präventionsgesetzes rückt die Lebenswelt von Bürgerinnen und Bürgern stärker als bislang in den Fokus von Prävention und Gesundheitsförderung. Was lag also näher, als sich dieser Thematik mit der diesjährigen Jahrestagung der dvs-Kommission Gesundheit auch wissenschaftlichen zu widmen. Erstmals gemeinsam mit der Kommission Raum und Sport sollte das Zusammenspiel von Bewegung/Sport – Gesundheit – und Räumen aus unterschiedlichen Perspektiven und wechselseitigen Wirkungen beleuchtet werden.

Um es vorweg zu nehmen: alle an der Tagung Beteiligten betrachten das Experiment als gelungen.

Die gemeinsame Tagung fand vom 22.-23. September am Sportinstitut des KIT in Karlsruhe statt. Insgesamt konnten mehr als 200 Teilnehmer zu den beiden Tagen begrüßt werden, die in konstruktiver und informativer Atmosphäre drei hochkarätige wissenschaftliche Hauptvorträge, 16 Arbeitskreise in Parallelsessions mit insgesamt 57 Kurzvorträgen, Best Practice Veranstaltungen sowie 25 Poster-Präsentation absolvieren konnten.

Im Mittelpunkt der diesjährigen Jahrestagung der beiden Kommissionen stand somit ein hoch aktuelles und wichtiges Thema: die wechselseitigen Wirkungen von Räumen auf die Gesundheit von Menschen.

Martin Lenz, Bürgermeister der Stadt Karlsruhe, sowie Andreas Klages, Leiter des Ressorts „Breitensport, Sporträume“ beim DOSB, stellten zu Beginn der Tagung dar, wie sich die Stadt sowie der organisierte Sport im Spannungsfeld von Bewegung, Raum und Gesundheit einordnen und welche Bedeutung die daraus resultierenden Wechselwirkungen haben.

Im ersten Hauptvortrag referierte Prof. Dr. Alfred Rütten zum Thema: „Das Zusammenspiel von Bewegungshandeln und Raumstrukturen bei der Produktion gesundheitsförderlicher sozialer Praxis. Theoretische Fundierung und Konsequenzen für die Bewegungsförderung“.

Darin beschrieb er, bezogen auf neue Wege der Gesundheitsförderung, das Zusammenspiel von bevölkerungsbezogener Bewegungsförderung und verschiedenen sozialwissenschaftlichen Theorien. Dazu gehörten auch die wechselseitigen Abhängigkeiten von Raumstrukturen und Bewegungsfähigkeiten einerseits sowie bürgerschaftlichem Engagement und politischen Entscheidungen andererseits.

Als fachfremder Hauptvortragender referierte Prof. Dr. Jürgen Weidinger in seiner Funktion als Professor der TU Berlin, Fachgebiet Landschaftsarchitektur Entwerfen Objektplanung & Gründer Weidinger Landschaftsarchitekten Berlin „Zum Erleben räumlicher Atmosphären – Grundlagen und Entwurfsprinzipien“.

Das Erleben von Freiräumen, so Weidinger, umfasse das Spüren von Qualitäten, das sich Einlassen und in der Folge das Genießen einer räumlichen Situation. Doch, so seine Fragestellung, was macht einen qualitativ gut gestalteten Freiraum aus und wie ist er aufgebaut? Zur Beantwortung beschrieb er die große Übereinstimmung zwischen den Theorien zur räumlichen Atmosphäre mit den Zielen und Entwurfsmethoden der Landschaftsarchitektur und die Chancen, durch diese Begegnung von Theorie und Entwurfspraxis, die Qualitäten räumlicher Situationen als atmosphärische Wirkungen beschreibbar zu machen.

Prof. Dr. Ulrich Ebner-Priemer, Stellvertretender Leiter des Instituts für Sport und Sportwissenschaft am KIT fokussierte seinen Hauptvortrag aus gesundheitspsychologischer Perspektive auf „Health and city: Wie beeinflussen sportliche Aktivität und urbane Risikofaktoren unsere Gesundheit?“.

Städte zeichneten sich danach im Vergleich zum ländlichen Räumen, durch spezifische Belastungsfaktoren aus. So führe das Aufwachsen in urbanen Gegenden zu erhöhten Raten an psychischen Erkrankungen wie beispielsweise Schizophrenie. Erste empirische Studien deuten auf eine erhöhte Stress-Reaktivität als zugrundliegenden neurobiologischen Mechanismus hin. Weitgehend ungeklärt sei, welche städtischen Parameter für das erhöhte Risiko verantwortlich sind.

Jeweils in fünf bzw. sechs Parallelsessions wurde das Thema der Tagung in 57 gehaltvollen Vorträgen und Beiträgen beleuchtet. Beispielhaft seien einige Arbeitskreis-Themen benannt, die die inklusive Sichtweise der Tagung aufgenommen haben:

  • Faktoren der physischen Umwelt und Bewegungsverhalten – auch ein Thema für Deutschland?
  • Die Schule als Raum für Bewegung und Gesundheit
  • Urbane Räume der Bewegung und Gesundheit
  • Körperliche Ansätze der pädiatrischen Onkologie – Bedarfe und Effekte im stationären Setting.
  • Psychologische Aspekte von Bewegung, Raum und Gesundheit.

Weitergehend gab es zudem eine Reihe von Arbeitskreisen, die sich stärker auf die jeweiligen Kernthematiken der eigenen Kommission bezogen.

Neben den drei ausgesuchten Hauptvorträgen und den Parallel-Sessions wurde ein neues Tagungsformat vorgestellt. Experten und Expertinnen aus der Praxis stellten ihre bereits bestehenden Projekte und die Ideen dahinter vor:

  • „AllaHopp!“ präsentiert von Katrin Tönshoff
    Die Dietmar-Hopp-Stiftung errichtete 19 generationsübergreifende Bewegungs- und Begegnungsräume. Die AllaHopp! -Anlagen haben je zwischen 8.000 und 18.000 Quadratmeter. Jede AllaHopp! -Anlage besteht aus 3 bis 4 Modulen, die sich an unterschiedliche Zielgruppen richten und doch Raum für Gemeinsamkeit und Begegnung bieten.
  • „Kinderturn-Welt im Zoologischen Stadtgarten Karlsruhe“ präsentiert von Susanne Weimann
    Die Kinderturn-Welt im Zoologischen Stadtgarten Karlsruhe (Kinderturnstiftung Baden-Württemberg) besteht aus sechs Bewegungsarealen für Kinder im Alter von drei bis zwölf Jahren. Das Konzept stellt eine Verbindung zwischen den Tieren, deren Bewegungsformen und dem natürlichen Bewegungsdrang von Kindern her.
  • Frau Prof. Dr. Anke Karmann-Woessner, Bereichsleiterin Städtebau Stadt Karlsruhe und Silke Hinken, Leiterin Schul- und Sportamt Stadt Karlsruhe stellen „Bewegungsangebote und aktuelle Projekte der Stadt Karlsruhe“ vor.

Diese Projekte illustrieren die bereits vorhandene Praxis unter dem Motto „Mobilität in Verbindung mit neuen Raumkonzepten“.

Im Rahmen der Jahrestagung stellte Dr. Ute Winkler, Referatsleiterin für Grundsatzfragen der Prävention, Eigenverantwortung, Selbsthilfe, Umweltbezogener Gesundheitsschutz am Bundesministerium für Gesundheit die Nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung vor. Damit wurden zum ersten Mal für Deutschland wissenschaftlich fundierte und systematisch aufbereitete Empfehlungen formuliert. Die Nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderungen haben das Ziel, eine wissenschaftliche Orientierung im Feld der Bewegungsförderung zu bieten.

Der integrative und inklusive Charakter der Tagung wurde auch in der Poster-Ausstellung deutlich. Neben sportwissenschaftlichen Arbeiten gab es auch Arbeiten von Studierenden der Landschaftsarchitektur zu sehen.

Neben dem wissenschaftlichen Programm hielt auch das räumliche Umfeld der Tagung weitere Angebote für die Besucherinnen und Besucher bereit. Eine kleine aber thematisch stimmige Fachausstellung, sowie ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm. Bei der tagungsbegleitenden Fachausstellung im Foyer des Veranstaltungsgebäudes drehte sich alles um die Bewegungsausstattung, Stadt- und Landschaftsarchitektur, Raumdesign und die Verknüpfung von Sport und Gesundheit. Hier präsentierten sich Tagungspartner und Aussteller mit neuen Trends, Informations- und Mitmachaktionsständen. Durch eine steh- und bewegungsfreundliche Raumgestaltung, ein Angebot von Bewegungspausen und Power-Walking, wurde das Tagungsthema auch direkt vor Ort mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern aktiv umgesetzt und nicht nur theoretisch behandelt.

Ein knappes Resümee zum Schluss

Die Tagung war sowohl in den Arbeitskreisen als auch nach den Hauptvorträgen von lebhaften Diskussionen zum Thema geprägt. Die Verzahnung der Perspektiven Bewegung – Raum – Gesundheit wird als zentrales, zukunftsweisendes Thema für eine ganzheitliche und auch politisch-ökonomisch orientierte Gesundheitsförderung (Public Health) angesehen. Dabei erweisen sich Kooperationen mit anderen Wissenschaftsbereichen wie Architektur oder Landschaftsbau als inspirierend und horizonterweiternd. Es bleibt zu hoffen, dass entsprechende interdisziplinäre Verzahnungen, Kooperationsprojekte zwischen sportwissenschaftlichen Kommissionen und Sektionen aber auch stärkere Bezüge und Austausch zwischen Wissenschaft und Praxisprojekten im Feld von Sport – Raum – Gesundheit zukünftig vermehrt stattfinden werden.

(Beitrag auf Basis des Nachberichts von Prof. Dr. Iris Pahmeier als Mitglied des Sprecherrats der dvs-Kommission Gesundheit für die Zeitschrift B&G; Ausgabe 6/2016)

 

Kontaktinformationen:

Prof. Dr. Iris Pahmeier
Hochschule Vechta
Driverstraße 22
49377 Vechta
Tel: 04441 / 15 316
Mail: iris.pahmeier@uni-vechta.de

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