Angelika Baldus: Gesucht wird das eierlegende Wollmilchschwein

Angelika BaldusSeit April 2010 haben die dvs-Kommission Gesundheit und der Deutsche Verband für Gesundheitssport und Sporttherapie (DVGS) ihre Kooperation verstärkt. Seinen Ausdruck findet dies u. a. in einem Arbeitskreis zu den neuesten Entwicklungen auf dem gesundheitsorientierten Arbeitsmarkt, der unter der Federführung der DVGS auf der Jahrestagung 2010 der dvs-Kommission Gesundheit Ende September in Vechta stattfinden wird. In einem Interview wirft die DVGS-Geschäftsführerin Angelika Baldus einen Blick voraus.

Warum gehört das Thema „Entwicklungen auf dem gesundheitsorientierten Arbeitsmarkt“ auf die Jahrestagung der Kommission Gesundheit im dvs?

Eine Tagung der Hochschulinstitute für Sport- und Bewegungswissenschaften sollte über die Ausbildungsstätten und über die neuesten Arbeitsmarktentwicklungen informieren. Gerade im bildungspolitischen Wandel (etwa die neuenBA- und MA-Studiengänge, Akademisierungen von Fachkräften) müssen Studiengänge den Absolventen am Arbeitsmarkt orientierte Abschlüsse zugänglich machen.

Ist es rückblickend gelungen, die Einführung der neuen BA/MA-Studiengänge auf eine einheitliche Grundlage zu stellen?

Die Einführung ist nicht „damalig“ – sie ist noch in vollem Gange! Die Einführung auf einer „einheitlichen Grundlage“ gelingt nicht – weil es keine Transparenz der Studiengänge gibt.

Und es gibt auch keine Vergleichbarkeiten der Studiengänge – weil die Ausbildungsstätten ohne gemeinsame Konzeption und Profilierung deren Studiengänge erstellt haben. Bologna will eine Vergleichbarkeit des Absolventen aus Vechta mit dem Absolventen aus Paris. Derzeit kann noch nicht einmal der Student aus Chemnitz nach Leipzig wechseln. Das führt dazu, dass eine Einrichtung, die Absolventen einstellt – aber auch Kostenträger, die die Leistung bezahlen sollten – nicht wissen, welche akademische Ausbildung zu welcher Qualifikation im Gesundheitswesen führt.

Was erwartet BA/MA-Studienabgänger mit dem Berufswunsch Sport – und Bewegungstherapeut auf dem Arbeitsmarkt?

Die demografische Entwicklung und der Panoramawandel der Krankheiten haben große gesundheitsökonomische Auswirkungen. Damit verbunden ist ein hoher betriebswirtschaftlicher Druck auf die Einrichtungen, die präventive und rehabilitativeLeistungen anbieten. Das hat zu einer Trennschärfenverschiebung von Prävention und Rehabilitation geführt. Jeder bietet alles an. Zum anderen möchte man ganz bewusst keine solch strenge Trennung zwischen Rehabilitation und Prävention mehr haben. Es ist ja auch häufig nur eine künstliche Trennung. In diesem Zusammenhang werden Studienabsolventen mit der Schwerpunktlegung „Prävention, Gesundheit, Fitness“ immer kleinere Stücke des Arbeitsmarktkuchens belegen können. Ohne rehabilitative Zusatzqualifikationen (ggf. studienbegleitend oder postgradual) wird die Arbeitsmarktchance kleiner. Gesucht wird das Eierlegendewollmilchschwein: die mehrfachqualifizierte Bewegungsfachkraft (akademisierter Sportlehrer, Sporttherapeut in 1-4 Indikationsgebieten und Physiotherapeut – zu einem Gehalt).

Wozu sollten Sporttherapeuten in der Lage sein, wenn sie auf den gesundheitsorientierten Arbeitsmarkt kommen? Wie werden sie darauf vorbereitet?

Insofern (s.o.)erwarten den Studienabgänger:

– Hohe Qualitätsanforderungen (mit Nachweisgebung der Anbieterqualifikation in
Form von Zusatzqualifikationen oder Lizenzen)

– Mehrfachqualifikationen (sowohl in Prävention als auch Rehabilitation)

– Praxisorientierung

– Gesundheitspolitische Kenntnisse (etwa Abrechungsanforderungen, ICF usw.)
Die Vorbereitung hierauf ist so vielfältig wie die Studiengänge. Das Spektrum der
Hochschulausbildungen changiert von
– keinerlei Orientierung am Arbeitsmarkt
– bunte Vielfalt von Studieninhalten, die aber in deren Gesamtheit keine dem
Arbeitsmarkt dienliche und aussagekräftige Qualifikation vermitteln
– arbeitsmarktorientierten Studieninhalten, die am eigenen Institut durch Studien
begleitende Fortbildungen eine Ergänzung und damit abschließende Qualifikation ermöglichen
– Studiengänge, die eine Mehrfachqualifikation vermitteln

Der DVGS verfügt über eine Übersicht der Studiengänge und Qualifikationsmöglichkeiten. Das betrifft derzeit knapp 25 sport – und bewegungswissenschaftliche Hochschulen, die mit dem DVGS kooperieren. Dazu kommen Fachschul – und Fachhochschulausbildungen (teilweise auch mit Abschlüssen des BA NL!), mit denen sich Absolventen der Universitäten vergleichen lassen müssen.

Wie wichtig sind Qualitätsstandards und welche sind notwendig?

Sehr wichtig. Der DVGS nennt das die Trias der Schlüsselqualifikationen. Ein Absolvent sollte bewegungs- und verhaltensorientierte Gesundheitsprogramme in der Qualität planen, durchführen und im Ergebnis darlegen können, um die Qualität zu optimieren.

Das entspricht klassischen Qualitätsanforderungen nach:
Strukturqualität = Konzeption
Prozessqualität = Realisation
Ergebnisqualität = Evaluation von Gesundheitsprogrammen.

Wie kann die Qualität der sporttherapeutischen Ausbildung noch gesteigert werden?

Die Hochschulen sollten fachinhaltlich und konzeptionell mehr miteinander kommunizieren undkooperieren. Die Hochschulen sollten die gesundheits- und arbeitsmarktpolitische Expertise der Fachverbände nutzen. Ausbildung und Arbeitsmarkt: das gehört zusammen. Die dvs und der DVGS intendieren das seit Jahren. Mit der diesjährigen Jahrestagung der dvs soll diese Kooperation vertieft werden.

Wo liegen hauptsächlich die beruflichen Einsatzmöglichkeiten für Sport – und Bewegungstherapeuten?

An dieser Stelle hat der DVGS in 25 Jahren sehr erfolgreich agiert. 1983 gab es nur vereinzelt Tätigkeitsfelderfür Sport – und Bewegungstherapeuten und in ganz Deutschland lediglich an der DSHS-Köln eine spezifische Ausbildung hierfür. Mit den Curricula (die übrigens zusammen mit Hochschul – und Fachschulinstituten erstellt wurden! UND: schon Ende der 80er Jahre modularisiert waren – also hochmodern nach Bolognavorgaben) des DVGS entstand diese Qualifikation erst – und wurde immer präsenter in den Arbeitsmärkten der Prävention und Rehabilitation.

Heute schreiben Kostenträger Sport – und Bewegungstherapeuten nach DVGS-Curriculum für die stationäre und ambulante medizinische Rehabilitation vor; im Rehabilitationssport ist der DVGS sogar Rahmenpartner der BAR geworden. Dazu kommen Gesundheitszentren der Akutkrankenhäuser mit ambulanter Rehabilitation und Präventionskursen (in der ehemaligen DDR „Polikliniken“ – heute neudeutsch „Medizinische Versorgungszentren). Und auch das Sozialwesen (Alten- und Pflegeheime) wurdezum Arbeitsplatz (beispielsweise bei Sturzprophylaxeprogrammen).

Was will der DVGS weiter verfolgen?

Der DVGS wird weiterhin Arbeitsmarktbedürfnisse analysieren und innovative Ausbildungsinhalte bereit stellen. Das ist die Aufgabe des Fachverbandes. Als Berufsverband sorgt der DVGS gleichzeitig dafür, dass den Absolventen entsprechende Arbeitsstellen zur Verfügung stehen (mit dem richtigen Honorar). Dabei erstellt der DVGS gemeinsam mit den Kostenträgern Konzepte und Programme – oder schließt Rahmenverträge zur Kursleitervermittlung (beispielsweise mit der BKK Gesundheit). Die Expertenarbeit in einzelnen Gremien (etwa beim Deutschen Rentenversicherung Bund zu evidenzbasierten Therapiemodulen) stärkt die dortige Präsenz der Sport- und Bewegungstherapeuten.

Einen Wermutstropfen gibt es: die Sport – und Bewegungstherapie kann noch nicht auf Heilmittelrezept verabreicht werden. Und das ist ein Politikum. Aber dafür müssten wir ein gesondertes Interview führen.

 

 

 

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